Sie befinden sich hier: gap-medinfo.de » Methoden-Leitfaden » Evidenzbasis recherchieren

Evidenzbasis recherchieren

Die einzelnen Schritte unserer Evidenzrecherche werden im Folgenden nachgezeichnet und kurz begründet.

1. Nationale Versorgungsleitlinie (NVL) von 2015 als Basis wählen

Warum wurde die NVL “Nicht-spezifischer Kreuzschmerz” als Basis gewählt?

Leitlinien fördern den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die medizinische Versorgungspraxis, indem sie Behandlungsempfehlungen auf Basis wissenschaftlicher Studien geben (Eccles et al. 2012, Woolf et al. 1999).

Wir wählten die NVL aus folgenden Gründen:

  • sie ist die hochwertigste Leitlinie zu nicht-spezifischem Kreuzschmerz in Deutschland
  • sie basiert auf einer systematischen Evidenzrecherche
  • sie wurde von einer autorisierten interdisziplinären Leitliniengruppe nach strengen wissenschaftlichen Standards erstellt (Leitlinienreport 2017)

2. Internationale Leitlinien nach 2015 prüfen

Warum wurden auch andere Leitlinien herangezogen?

Verschiedene Leitlinien zum selben Thema können eventuell widersprüchliche Empfehlungen geben.

Mögliche Gründe dafür sind:

Deshalb verglichen wir die Empfehlungen der NVL mit den Empfehlungen aus hochwertigen internationalen Leitlinien, die nach 2015 publiziert wurden.


Wie wurden die Leitlinien recherchiert und ausgewählt?

Wir suchten im Oktober 2017 nach deutsch- und englischsprachigen evidenzbasierten Leitlinien für nicht-spezifischen Kreuzschmerz mit Publikationsdatum nach März 2015, und zwar in folgenden Datenbanken mit den Suchbegriffen „back pain“ und „low back pain“:

  • Guidelines International Network (GIN)
  • National Guideline Clearinghouse (NGC)
  • National Institute for Health and Care Excellence (NICE)
  • Scottish Intercollegiate Guidelines Network (SIGN)
  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)
  • Pubmed Health

Des Weiteren suchten wir nach Aktualisierungen von Leitlinien, die die NVL als relevant, aber nicht aktuell bewertet hatte (Leitlinienreport, Tabelle Seite 19ff.)


Welche Leitlinien wurden neben der NVL ausgewählt?

Aus 628 Treffern (GIN 46, NGC 58, NICE 96, SIGN 15, AWMF 17, Pubmed health 396 Treffer [“back pain“ AND guideline*, ab 01.01.2015]) wurden neben der NVL drei weitere Leitlinien einbezogen. Hauptausschlussgründe waren: kein Leitliniendokument, anderes Thema, vor März 2015 erschienen. Eingeschlossen wurden:

3. Cochrane Reviews nach 2015 prüfen

Da die Erstellung und Konsentierung von Leitlinien mehrere Jahre dauern kann und wir möglichst aktuelle Evidenz berücksichtigen wollten, recherchierten wir aktuelle Cochrane Reviews zu nicht-spezifischen Kreuzschmerzen. Aus 161 Treffern schlossen wir die sechs gelisteten Cochrane Reviews aus den Jahren 2016 und 2017 ein. Die dort berichtete Evidenzlage widersprach den NVL-Empfehlungen nicht, d. h. die Reviews wiesen nicht auf Veränderungen der Vertrauenswürdigkeit der Evidenz oder der Effektrichtung oder -stärke hin.

4. Ergebnisse zusammenführen

Wir extrahierten aus den vier eingeschlossenen Leitlinien alle Behandlungsempfehlungen mit Empfehlungsstärke, Effektstärke und Evidenzqualität (falls angegeben). Da für die Synthese von Leitlinienempfehlungen keine methodischen Standards vorliegen, wählten wir ein pragmatisches Vorgehen. Die verschiedenen Empfehlungen wurden nach folgenden Regeln zusammengefasst:

  • ↑↑ und ↑↑ wird zu ↑↑
    Empfehlungen, die in Richtung und Stärke übereinstimmen, werden beibehalten.
  • ↑↑ und ↑ wird zu ↑
    Bei Empfehlungen, die in der Richtung übereinstimmen, sich aber in der Stärke unterscheiden, wird die schwächere Empfehlung übernommen.
  • ↑ und ↔ wird zu ↔
    Bei Empfehlungen, die sich in der Richtung unterscheiden, aber nicht widersprechen, wird die schwächere Empfehlung übernommen.
  • ↑ und ↓ wird zu ?
    Sich widersprechende Empfehlungen diskutiert das Projektteam im Einzelfall.

5. Aufbereiten der Ergebnisse für Arzt und Patient

Wir erstellten übersichtlich designte Tabellen mit Empfehlungen für verschiedene Behandlungsarten wie z. B. Bewegungstherapie oder medikamentöse Behandlung. Diese Tabellen wurden als Ganzes oder in Teilen im Rückenschmerzportal hinterlegt und verlinkt.

Autoren: Dr. Sebastian Voigt-Radloff
Erstmals veröffentlicht: 20.05.2021
Aktualisiert vom Editoren-Team: 21.05.2021

Literatur

Eccles MP, Grimshaw JM, Shekelle P, Schünemann HJ, Woolf S (2012): Developing clinical practice guidelines: target audiences, identifying topics for guidelines, guideline group composition and functioning and conflicts of interest. Implement Sci, 7: 60.

Woolf SH, Grol R, Hutchinson A, Eccles M, Grimshaw J (1999): Clinical guidelines: potential benefits, limitations, and harms of clinical guidelines. BMJ, 318 (7182): 527-530.

Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (2017): Nationale VersorgungsLeitlinie Nicht-spezifischer Kreuzschmerz – Leitlinienreport, 2. Auflage. Version 1.

O’Connell NE, Cook CE, Wand BM, Ward SP (2016): Clinical guidelines for low back pain: A critical review of consensus and inconsistencies across three major guidelines. Best Pract Res Clin Rheumatol, 30 (6): 968-980.

Cosgrove L, Bursztajn HJ, Erlich DR, Wheeler EE, Shaughnessy AF (2013): Conflicts of interest and the quality of recommendations in clinical guidelines. J Eval Clin Pract, 19 (4): 674-681.

Norris SL, Holmer HK, Ogden LA, Burda BU (2011): Conflict of interest in clinical practice guideline development: a systematic review. PLoS One, 6 (10): e25153.

Datenbank für Leitlinien der Agency for Healthcare Research and Quality: NGC

Datenbank für Leitlinien des Scottish Intercollegiate Guidelines Network: SIGN

Datenbank für Leitlinien des Guidelines International Network: GIN

Datenbank für Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften e.V.: AWMF

Datenbank für Leitlinien des National Institute for Health and Care Excellence: NICE

Van Wambeke P, Desomer A, Ailliet L, Berquin A, Demoulin Ch, Depreitere B, Dewachter J, Dolphens M, Forget P, Fraselle V, Hans G, Hoste D, Mahieu G, Michielsen J, Nielens H, Orban T, Parlevliet T, Simons E, Tobbackx Y, Van Schaeybroeck, Van Zundert J, Vanderstraeten J, Vlaeyen J, Jonckheer P (2017): Low back pain and radicular pain: evaluation and management. Good Clinical Practice (GCP). KCE Reports 287.

Qaseem A, Wilt TJ, McLean RM, Forciea MA; Clinical Guidelines Committee of the American College of Physicians (2017): Noninvasive Treatments for Acute, Subacute, and Chronic Low Back Pain: A Clinical Practice Guideline From the American College of Physicians. Ann Intern Med, 166 (7): 514-530.

Poquet N, Lin CW, Heymans MW, van Tulder MW, Esmail R, Koes BW, Maher CG (2016): Back schools for acute and subacute non-specific low-back pain. Cochrane Database Syst Rev, 4: CD008325.

Parreira P, Heymans MW, van Tulder MW, Esmail R, Koes BW, Poquet N, Lin CC, Maher CG (2017): Back Schools for chronic non-specific low back pain. Cochrane Database Syst Rev, 8 (8): CD011674.

Marin TJ, Van Eerd D, Irvin E, Couban R, Koes BW, Malmivaara A, van Tulder MW, Kamper SJ (2017): Multidisciplinary biopsychosocial rehabilitation for subacute low back pain. Cochrane Database Syst Rev, 6(6): CD002193.

Wieland LS, Skoetz N, Pilkington K, Vempati R, D’Adamo CR, Berman BM (2017): Yoga treatment for chronic non-specific low back pain. Cochrane Database Syst Rev, 1 (1): CD010671.

Rasmussen-Barr E, Held U, Grooten WJ, Roelofs PD, Koes BW, van Tulder MW, Wertli MM (2016): Non-steroidal anti-inflammatory drugs for sciatica. Cochrane Database Syst Rev, 10 (10): CD012382.

Saragiotto BT, Machado GC, Ferreira ML, Pinheiro MB, Abdel Shaheed C, Maher CG (2016): Paracetamol for low back pain. Cochrane Database Syst Rev, 2016 (6): CD012230.