Sie befinden sich hier: gap-medinfo.de » Methoden-Leitfaden » Nutzeranforderungen analysieren

Nutzeranforderungen analysieren

Für die Erstellung der Informationen auf Tala-med war es uns sehr wichtig, die Anforderungen der Internetnutzer sowie Ärzten an Online-Gesundheitsinformationen zu erfüllen. Dazu haben wir ein Scoping Review sowie ein systematisches Review erstellt.

Anforderungen von Bürgern und Patienten

In unserer systematischen Übersichtsarbeit zu Anforderungen von Bürgern an Gesundheitsinformationen im Internet (Wollmann et al. 2021) analysierten wir 46 qualitative Studien, 36 quantitative Umfragen und 36 Mixed-Methods-Studien, die bis Juli 2019 publiziert waren. Die identifizierten Anforderungen lassen sich in 9 Kategorien zusammenfassen.

1. Autorenschaft

Sowohl die Autoren von Einzelbeiträgen als auch die Herausgeber der gesamten Online-Information sollten mit ihrer Qualifikation und Expertise benannt sein. Eine Kontaktaufnahme sollte möglich sein. Bürger bevorzugen offizielle Seiten von Regierungs- oder Non-Profit-Organisationen sowie Autoren, die keine wirtschaftlichen Interessen haben bzw. die von neutraler Seite beauftragt oder kontrolliert werden. Anbieter von Online-Gesundheitsinformationen sollten einen strengen Datenschutz gewährleisten und Nutzerdaten nicht zu werblichen Zwecken oder zum eigenen wirtschaftlichen Vorteil verwenden.

2. Verständlichkeit und Zugänglichkeit

Die Schrift sollte gut lesbar und auch vergrößerbar sein. Texte sollten durch Zusammenfassungen, Überschriften und voneinander abgegrenzte Absätze gut strukturiert sein. Ein seriöser und in Grammatik und Rechtschreibung fehlerfreier Schreibstil sollte verschiedene Perspektiven ausgewogen darstellen. Als unpassend werden ein konfrontativer oder belehrender Schreibstil, aber auch vage oder sich widersprechende Aussagen empfunden. Die Sprache sollte ermutigend und einfach verständlich sein, jedoch auch Fachbegriffe enthalten, diese aber erklären.

3. Aktualität

Bürger und Patienten erwarten aktuelle Informationen, eine regelmäßige Überprüfung sowie Datumsangaben, wann Informationen erstellt bzw. erneuert wurden.

4. Evidenzbasierung

Gesundheitsinformationen sollen von medizinisch kompetenten Personen korrekt und umfassend erstellt werden. Ein unabhängiges Qualitätssiegel oder eine universitäre Verortung gelten als vertrauenswürdig. Ein direkter Bezug zu aktuellen Ergebnissen aus seriösen wissenschaftlichen Studien soll durch Verweis auf die entsprechende Literatur oder durch Verlinkung zu weiterführenden Informationen hergestellt werden. Als vollständig wird eine Online-Gesundheitsinformation erachtet, wenn sie einen einleitenden Überblick gibt und die Erkrankung umfassend mit Ursache, Symptomen und Diagnostikverfahren darstellt. Auch verschiedene Behandlungsalternativen inkl. Nutzen, Kosten, Nebenwirkungen und Risiken sollten genannt werden. Ebenso soll transparent über Prognose und Bewältigungsmöglichkeiten der Krankheitsfolgen im alltäglichen Leben informiert werden. Hierzu gehören auch Informationen über die Finanzierung der Versorgung sowie über lokale Therapie- und Hilfsangebote.

5. Austausch mit Anderen

Fallberichte über konkrete Patientenerfahrungen und -empfehlungen machen Gesundheitsinformationen verständlicher. Nutzer mit ähnlichen Erfahrungen fühlen sich dadurch besser verstanden. Sowohl Angebote, bei denen Gesundheitsexperten Bürgerfragen beantworten, als auch Portale zum Austausch mit Betroffenen bzw. in Selbsthilfegruppen werden gut angenommen. Die Anonymität des Internets kann hier eine besondere Schutzfunktion einnehmen.

6. Werbung

Aus Sicht der Bürger sollte Werbung möglichst vermieden werden. Insbesondere immer wieder erscheinende, unruhige Werbung oder eine unklare Grenze zwischen Produktinformation und Produktwerbung wird als störend empfunden. Gesundheitsinformationen mit nicht-kommerziellem oder ganz ohne Sponsoring werden bevorzugt.

7. Zweck und Zielgruppe

Eindeutig und direkt zu Beginn des Website-Aufrufs sollten der Zweck und die Zielgruppe der Gesundheitsinformationen erkennbar sein.

8. Serviceangebote

Bürger schätzten folgende Angebote: Frequently Asked Questions (FAQ, häufig gestellte Fragen), Glossar mit Begriffserklärungen, Broschüren mit Kurzinformationen zum Download, Video-Tutorials oder regelmäßige Newsletter sowie Verlinkungen zu wissenschaftlicher Literatur oder zu weiterführenden Informationen, z. B. über Selbsthilfegruppen oder lokale Versorgungsangebote.

9. Nutzerfreundlichkeit

Als störend empfunden wird ein kostenpflichtiger oder passwortgeschützter Login-Zugang, aber auch ein überladenes Layout mit dunklem Hintergrund, zu dunklen oder zu vielen Farben. Insbesondere für ältere oder visuell eingeschränkte Nutzer ist ein erhöhter Farbkontrast wichtig. Bevorzugt werden eine attraktive Einstiegsseite mit aussagekräftigem Logo und einfacher Menüleiste mit wenigen, aber sichtbaren Untermenüpunkten, die Struktur und Inhalte der Website intuitiv verständlich machen. Bevorzugte Textblöcke sind kurz mit ausreichender oder verstellbarer Schriftgröße und strukturiert durch mehrere Unterseiten (Tabs) oder Drop-Down-Menüs. Website-spezifische Suchmaschinen sollten Suchworte automatisch ergänzen bzw. Auswahlvorschläge machen. Die hier als erstes angezeigten Treffer sollten die relevantesten sein. Geschätzt werden strukturierte Diagramme sowie Ganzkörperbilder oder Ausschnitte mit Mouse-over-Erklärungen oder Verlinkungen. Gut angenommen werden auch Audiobeiträge, interaktive Selbsttests oder ausdruckbare Kurzinformationen wie etwa Fotos oder Zeichnungen zur Übungsanleitung.

Anforderungen von Hausärzten

In unserer systematischen Übersichtsarbeit zu Anforderungen von Hausärzten an Online-Gesundheitsinformationen (van der Keylen et al. 2020) analysierten wir 25 quantitative, 9 qualitative und 7 Mixed-Methods-Studien, die von Januar 2000 bis Januar 2020 publiziert wurden. Die identifizierten Anforderungen lassen sich in 5 Kategorien zusammenfassen.

1. Bedarf für Information

Der Informationsbedarf und die Präferenzen von Hausärzten sind individuell verschieden. Hausärzte benötigen medizinische Informationen, um ihren Wissensstand aktuell zu halten, Fortbildungspunkte zu erhalten sowie für die evidenzbasierte klinische Entscheidungsfindung. Jedoch präferieren sie als Informationsquelle oftmals Kollegen, Qualitätszirkel oder Bücher. Im Internet bevorzugen sie evidenzbasierte Zusammenfassungen, geben aber als mögliche Barrieren auch einen Mangel an digitalen Fertigkeiten und an Methodenkompetenz in der Beurteilung von Evidenzsynthesen an.

2. Zugang zur Information

Die größte Zugangsbarriere für die Hausärzteschaft ist Zeitmangel, gefolgt von Kostenpflichtigkeit und Fremdsprachigkeit der Informationen (z. B. auf Englisch). Der Online-Zugang sollte einfach funktionieren, d. h. ohne spezielle Hard- oder Software, Loginzugänge oder hohe Anforderungen an die Internetverbindung.

3. Qualität der Information

Informationen und ihre Quellen sollten zuverlässig, transparent, vertrauenswürdig und unabhängig von der Industrie sein. Hausärzte schätzen einerseits umfassende und andererseits sehr konzise und für hausärztliche Themen spezifisch aufbereitete Informationen. Sie bevorzugen kurze Zusammenfassungen zu vielen verschiedenen Themen, zu denen durch übersichtliche Inhaltsfilter schnell navigiert werden kann, für die aber auch weiterführende Informationen über Links schnell abrufbar sind. Informationen sollten aktuell und mit Aktualisierungsdatum versehen sein.

4. Nutzung der Information

Online-Gesundheitsinformationen sollten durch exzellente Navigierbarkeit und inhaltliche Organisation schnell und einfach in der täglichen Versorgungsroutine aufgerufen werden können. Als störend wird die weit verbreitete Theorie-Praxis-Lücke zwischen wissenschaftlicher Literatur und versorgungspraktischen Fragestellungen empfunden. Ebenso empfinden Hausärzte die Internetnutzung während der Beratung eher als störend für die Arzt-Patienten-Kommunikation.

5. Wirkung der Information

Hausärzte erwarten, dass Online-Gesundheitsinformationen die konkrete klinische Entscheidungsfindung verbessern, dass sie für eine effiziente Patientenedukation direkt an die Patienten weitergegeben werden können und dass sie helfen, klinische Entscheidungen oder Empfehlungen zu untermauern und zu rechtfertigen.

Autoren: Katharina Wollmann M.Sc.
Erstmals veröffentlicht: 20.05.2021
Aktualisiert vom Editoren-Team: 31.05.2021

Literatur

Wollmann K, van der Keylen P, Tomandl J, Meerpohl JJ, Sofroniou M, Maun A, Voigt-Radloff S (2021): The information needs of internet users and their requirements for online health information-A scoping review of qualitative and quantitative studies. Patient Educ Couns: 0738-3991.

Van der Keylen P, Tomandl J, Wollmann K, Möhler R, Sofroniou M, Maun A, Voigt-Radloff S, Frank L (2020): The Online Health Information Needs of Family Physicians: Systematic Review of Qualitative and Quantitative Studies. J Med Internet Res, 22 (12): e18816.